03 – Vater

Meine Eltern besaßen eine wunderbar große Bibliothek und in meiner Erinnerung sah ich sie immer lesen. Mein Vater saß an unserem runden Esstisch, der heute in meiner Wohnküche steht und immer mit allem möglichen zu erledigenden „Kram“, Blumen, Kalendersprüchen belegt ist, an dem ich gern frühstücke und oft mein Tagebuch führe. Ich sehe ihn mit dem Rücken zur Wand sitzen, vor einem aufgeklappten Buch in der rechten Hand die immer während brennende Zigarre, die ihm in seiner Emigration in der Sowjetunion die Nachrufe der Kinder „Bourgeois“ einbrachten und meine Mutter ständig in Angst versetzte, es würde etwas passieren. Damals gab es noch keine anklappbaren Fenster, so dass mein Vater kurz über dem Boden Haken anbrachte, damit sie einen Spalt offen bleiben konnten. Vor den Fenstern hingen weiß gemusterte durchscheinende Stores aus Synthetik und wenn mein Vater das Fenster einhaken wollte, nahm er seine Zigarre in den Mund, bückte sich, hob den Vorhang zur Seite und schon war ein Loch im Store. Ich weiß nicht wie viele solcher Löcher zum Leidwesen meiner Mutter entstanden, aber er konnte die Zigarre einfach nicht ablegen. Er rauchte immer teure Zigarren der Marke Handelsgold und unsere ganze Wohnung roch danach. Dieser Geruch ist mir heute noch so vertraut. Mein Vater war für mich wie ein großer starker Bär, voller Kraft und Willen.

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