01 – Fragmente

Plötzlich ist alles anders!

 Wie immer, von einem Augenblick zum anderen ändert sich der Blick auf die Welt. Plötzlich ist alles anders – Dinge die Bedeutung hatten sind bedeutungslos. Die Uhr scheint anders zu ticken, man hört sie plötzlich. Eine Freundin schrieb mir, dass ihr Mann die Diagnose Krebs bekam und alles ganz schnell ging, Untersuchungen und gleich OP. Es klingt ähnlich wie es bei mir Ende 2011 war. Es bleibt kaum Zeit in Ruhe zu denken, Luft zu holen. Ich erinnere mich noch genau. Im Dezember 2011 zwei Wochen vor Weihnachten bekam ich plötzlich solche Schmerzen im Bauch dass ich es nicht mehr ignorieren konnte. Seit einigen Wochen hatte ich abends im Bett bereits gespürt etwas war in meinem Bauch das da nicht hingehörte. Es könnte doch eine Verstopfung sein und ich müsste mal wieder eine Leberreinigung machen, so meine Gedanken. Nie hätte ich mir vorstellen können ernsthaft krank zu werden. In meinem ganzen Leben hatte ich immer Kraft und eigentlich waren meine Krankheiten nie ernsthaft und schnell erledigt.

 Nun lag ich bei meiner Hausärztin, die mich nicht kannte, da ich ja nie da war und ihr Blick war düster. Sie holte ihren Kollegen hinzu und schnell sagte sie zu mir „Sie müssen sofort ins Krankenhaus und erschrecken Sie bitte nicht über die Diagnose die ich in die Überweisung einschreiben muss. Haben Sie jemanden der Sie begleiten kann?“ Verdacht auf Tumor stand dort. Tief im Bauch wusste ich dass sich mein Leben nun ändern würde aber im Kopf ging etwas ganz anderes ab. Ich überlegte erst allein zu fahren, entschied mich dann doch nach Hause zu fahren und meinen Sohn, der gerade bei uns wohnte zu bitten mich zu begleiten. Wir fuhren ins Krankenhaus Köpenick. Wenn ich heute zurück blicke merke ich dass man unter Schock ziemlich absurd reagiert. In diesem Moment ist es einem nicht bewusst. Wir saßen im Warteraum der Notaufnahme sprachen über alles Mögliche, schwiegen, lachten und begriffen gar nicht was ablief. Immer wieder musste ich zu den Ärzten rein. Immer wieder neue Spezialisten. Am liebsten hätten sie mich sofort da behalten und aufgeschnitten. Es war jedoch kurz vor Weihnachten und ich wollte über die Feiertage nicht im Krankenhaus liegen. Außerdem arbeitete ich gerade an mehreren Online-Projekten, u.a. an dem Thema Stressbewältigung. Dazu wollte ich zusammen mit meinem Sohn in Bayern einen Berg besteigen. Es wäre eine schöne Metapher gewesen. Mach ich vielleicht auch noch einmal in meinem Leben. So fragte ich die Ärzte wie dringend die OP denn wäre und ob ich die Tour noch „schnell“ machen könnte. Dringlichkeit war nicht geboten, ein MRT könnte letztlich noch mehr Klarheit bringen, Bergtour – Äh???

Wir gingen nach Hause und ich sprach mit Allen. An dieses Gespräch kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß, dass ich sofort anfing im Internet zu recherchieren. Was ist ein Ovarialkarzinom, wie wird es behandelt, wer ist Spezialist? So stieß ich auf die Charité, die ein Europäisches Forschungszentrum für diesen Krebs ist. Es gab eine Patiententelefonnummer für Zweitmeinungen und ich hatte sofort einen Termin zwischen den Jahren bei Prof. Sehouli.

Weihnachten feierten wir bei meinem großen Sohn und der Familie seiner Frau. Wir sagten nichts, ich wollte die Feier nicht sprengen. Ich merkte während des ganzen Abends meinen anderen Blick auf alles, den Abstand den ich plötzlich empfand. All die Dinge über die gesprochen wurde hatten nichts mit mir zu tun, sie waren plötzlich unwichtig. Früher war ich innerlich immer beteiligt, machte mir meine Gedanken dazu und sagte meine Meinung. Nun hatte ich das Gefühl dass es mich gar nichts mehr anging. Es war eigenartig und ich begriff nicht womit es zusammen hing. Beim Abschied bat ich ihn und seine Frau in den nächsten Tagen vorbei zu kommen.

Der Termin bei Prof. Sehouli war schnell und klar. Nach Abtasten und Ultraschall sagte er mir ganz eindeutig worum es sich handelt: ein Ovarialkarzinom und mit höchster Wahrscheinlichkeit bösartig. KLARHEIT! Termin für OP am 6. Januar 2012. Ich dachte nun gut, OP – 10 Tage dann noch 1 Monat Ruhe und das Leben geht normal weiter. Die alte Normalität sollte nie wieder in mein Leben eintreten! Immer war ich ein Workaholic. All die Dinge die ich in meinem Leben arbeitsmäßig tat, tat ich mit einem verbissenen Drang perfekt zu sein, es mir und den anderen zu beweisen. Wenn ich „hinfiel“ stand ich auf, klopfte mir die Knie ab und weiter ging´s. Neben der Arbeit gab es kaum Hobbies und meine kreativen Seiten nutzte ich nur im Zusammenhang mit meiner Arbeit. Arbeitstage waren lang – 12-14 Stunden und die Wochenenden oft durch.

 Mein Mann ging im März 2011 in den Vorruhestand. Endlich, denn wir führten mit kurzen Unterbrechungen über 10 Jahre eine Wochenendehe. Es klappte ausgezeichnet zwischen uns, aber die Sehnsucht mehr miteinander zusammen zu sein, war stark. Wir hatten ja auch eine gemeinsame Firma. Im Juni 2011 machten wir eine Rundreise durch Deutschland – Kunden, Geschäftspartner, Sehenswürdigkeiten und ein Theaterbesuch bei unserem Sohn zu einer seiner letzten Vorstellungen im Düsseldorfer Schauspielhaus, wo er den Werther spielte. Es war so wunderbar, dass wir uns fest vornahmen, solche Reisen demnächst öfters zu machen und eventuell mit einem Wohnwagen. Fahren wohin es uns treibt, halten wo es schön ist – frei und unabhängig. Das sollte doch noch alles kommen! Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir ein anderes Leben nicht vorstellen.

 Das ich eine lange Reise zu mir selbst beginnen würde, die mich vor schwere Herausforderungen stellen würde ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.


 

Ein Gedanke zu „01 – Fragmente

  1. Liebe Soja,

    warum lese ich denn erst heute diese wunderbaren Zeilen von Dir? Ich bin immer sofort berührt von Deinen Zeilen. Toll.

    Liebe Grüße
    H.G.

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