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Sterben – Der Tod meiner Mutter

Das dritte Mal war es meine Mutter . Meine Mutter war immer eine schöne und sehr gepflegte Frau bis zu ihrem Tod. Ich habe ein Bild von ihr zu Hause aus ihrer Jugendzeit. Sie war Mitglied im kommunistischen Sportverein Fichte. Es muss Sommer gewesen sein und sie waren an einem See. Von einem Steg springt sie nackt kerzengerade ins Wasser. Ihr Körper war einfach schön und mackellos. Dieses Bild von ihr liebe ich besonders. Es zeigt ihre Lebensfreude, ihre Vitalität und Schönheit.

 Sie brachte sich Anfang 1982 um!

Mit ihrem Tod waren für mich so viele Schuldgefühle verbunden, dass ich Jahre brauchte diese zu überwinden. Selbst in meiner Arbeit zur Heilung des Krebses tauchte diese Thema auf. Seit dem Tod meines Vaters hatte meine Mutter ständig Angst Krebs zu bekommen. Eines wollte sie unter keinen Umständen: eine sabernde, geistig umnachtete und unter sich machende alte Frau werden. Oft sprach sie darüber und dass sie lieber vorher sterben wolle. Wir hätten es wissen müssen! Denn kurz vor ihrem Tod diagnostizierten die Ärzte bei ihr Knötchen in der Schilddrüse.

 Im Oktober 1980 wurde mein 2.Sohn geboren. Sie war liebevoll, aber ich merkte, dass sie kaum Kontakt zu ihm aufbaute. Vielleicht lag es auch an meiner damals schon belasteten Ehe mit G., den sie nicht mochte. So dachte ich es immer. Denn meinen 1. Sohn liebte sie abgöttisch. Sie verlor kurz vor Kriegsende ein Kind – einen Jungen, den sie sich immer so sehr wünschte. So sollte ich auch ein Junge werden. Meine Mutter bekam mich mit 42 Jahren und für sie war die Schwangerschaft eine Belastung. Sie leitete eine Abteilung mit vielen ganz jungen Frauen und schämte sich zu dieser Zeit noch in ihrem Alter schwanger zu sein. So band sie sich anfangs ihren Bauch, damit es niemand mitbekam. Später hoffte sie auf einen Jungen, der sie für die Schwangerschaft entschädigen sollte. Und nun wurde ich ein Mädchen. Kinder sind solchen Empfindungen immer sehr sensibel gegenüber. Ich weiß meine Mutter hat mich sehr geliebt und ich hatte wunderbare Eltern. Ich bin dankbar in diese Familie hineingeboren worden zu sein.

 Als ich sehr jung mein erstes Kind bekam und es ein Junge wurde, waren meine Eltern und besonders meine Mutter überglücklich und ich bekam jegliche Unterstützung. So war ich traurig, dass sie bei meinem 2. Sohn keine Energie mehr aufbrachte. Heute glaube ich, dass sie der Tod meines Vaters sehr erschreckt haben muss und nach ihrem so schicksalsreichen Leben die Kraft schwand.

 Es war die Zeit des Jahreswechsels 1981/82 und meine Schwester und ihre Tochter, mit ihnen wohnte meine Mutter damals zusammen, fuhren über die Feiertage weg. Da meine Mutter allein blieb, fragten wir sie, ob sie gern zu uns kommen möchte. Sie lehnte ab und sagte, sie fahre zu einer ihrer Freundinnen und sei auch nicht da. Ich weiß, dass ich noch so ein komisches Gefühl hatte und immer wieder bei ihr anrief. Sie ging aber nicht ans Telefon und so war ich überzeugt, dass sie wirklich verreist war. An dem Abend als meine Schwester anrief zündeten wir gerade die Kerzen an unserem Weihnachtsbaum an und wollten gemütlich beieinander sitzen. Meine Schwester sagte nur „Komm schnell, es ist etwas mit Mutti.“ Erst als ich dort war erfuhr ich, dass sie Schlaftabletten genommen hatte. Sie lebte noch und kam ins Krankenhaus. Es bestand aber wenig Hoffnung und sie starb. Ich wollte sie am nächsten Tag noch einmal sehen, die Ärztin sagte nur zu mir „Wollen sie das wirklich? Sie liegt in der Pathologie und das letzte Bild ist immer das was bleibt.“ Ich war verunsichert und so ließ ich davon ab.

 Da es ein Suizid war, wurden natürlich noch Untersuchungen von der Kriminalpolizei angestellt. So kam heraus, dass meine Mutter stundenlang durch die Wohnung gelaufen sei, so berichteten es die Mieter in der Wohnung darunter. Es war so eine schreckliche Vorstellung, denn ich hatte ja immer wieder angerufen und ich machte mir Vorwürfe, dass ich nicht hingefahren war. Damals wurden die Beerdigungen sehr schnell durchgeführt. Es war ein großes Begräbnis, da meine Mutter bekannt war. Ich reichte vielen mir unbekannten Menschen die Hand. Das war ein komisches Gefühl. Ich habe Jahre gebraucht um mit meiner Trauer und meinen Schuldgefühlen klar zu kommen. Heute weiß ich, jeder Mensch hat die Freiheit selbst zu entscheiden, wie er leben oder auch sterben will. Ich hätte es ihr nur leichter gewünscht, aber sie hatte es sicherlich auch nicht geahnt, wie es sein würde. …