05 – Sterben

In meinem Leben ist mir, abgesehen von diversen Haustieren, erst viermal der Tod unmittelbar begegnet.

Das erste Mal war es meine Großmutter zu der ich kaum eine Verhältnis hatte. Sie war eine slowakische Zigeunerin, die mein Großvater um die Jahrhundertwende 1900 kennen lernte, als sie Hausmädchen war. Es wurde gesagt, dass sie wunderbar kochen konnte. Ich hab´s nie erfahren. Nach dem Krieg hat sie nie für die Familie gekocht. Ich sehe sie immer nur  in ihrem Sessel sitzen und lächeln. Mehr nicht. Sie sah gern Pitti Platsch, Herr Fuchs und Frau Elster und lebte mit meinem Onkel Max zusammen. Als sie starb, ich war vielleicht 11 Jahre alt, gab es eine riesengroße Beerdigung auf dem Zentralfriedhof in Berlin-Friedrichsfelde. In der Trauerhalle saß ich auf dem Bänkchen und plötzlich stieg in mir der Gedanke hoch, dass ich gleich anfangen muss zu lachen. Es war schrecklich – zum einen musste ich dagegen kämpfen, zum anderen habe ich mich dafür geschämt und geglaubt ich bin ein „schlechter Mensch“. Es war alles so surreal.

Das zweite Mal begegnete ich ihm, als mein Vater starb. … 

Das letzte Bild ist mir noch sehr klar in Erinnerung. Es war schon sehr spät als ich das Krankenhaus verließ. In der Familie wechselten wir uns bei den Besuchen ab. An diesem letzten Tag schlief mein Vater, ich nahm es jedenfalls an. Er bekam bereits Morphium. Seit längerer Zeit hatte er Diabetes. Woher sie kam, mir wurde nichts erklärt. Er ist alt und lebt nicht gerade gesund war die Antwort. Später erfuhr ich lange Zeit nach seinem Tod das es Pankreaskrebs war. Er musste immer wieder ins Krankenhaus, da seine Zuckerwerte immer schlechter wurden. Zeit meines Lebens verband ich mit meinem Vater die Vorstellung von einem großen, starken, liebevollen Bären.  Nichts konnte ihn umhauen – 3 Kriege nicht. Erst der Krebs hat es geschafft. Es war ungewöhnlich und zugleich schmerzlich diesen starken Bären eines Tages waschen zu müssen wie ein kleines Kind. Zum Schluß verschloss sich sein Darm und die Ärzte wollten keine OP. So blieb er im Krankenhaus.

Ich ging immer allein und er erkannte mich nicht mehr. Er sah in mir seine erste Frau mit der er vor dem 2. Weltkrieg verheiratet war. Oft bat er mich ich solle ihm doch eine Flasche Kognak und Zigarren mitbringen. Oh, ich war damals noch zu jung. So lehnte ich es ab, weil es ja nicht gut für seine Gesundheit war. Heute hätte ich es sicherlich mitgenommen. Er hatte ein Einzelzimmer, es hätte niemanden gestört und ihm noch ein wenig Freude bereitet. Gutes Essen, ein exzellenten Kognak, eine exquisite Zigarre, ein interessantes Buch waren seine Freuden.

Lange saß ich an diesem letzten Abend an seinem Bett. Er schien zu schlafen und ich traute mich nicht zu rühren. Es muss gegen 23.00 Uhr gewesen sein, als ich mich entschloss zu gehen. Er lag so friedlich da, dass ich nicht wagte ihn zu berühren und zu wecken. Vielleicht hätte ich festgestellt, dass er in Ruhe für immer eingeschlafen war. Ich dachte nicht daran, ich konnte mir nicht vorstellen, dass er plötzlich tot sein sollte. Ich schlich aus dem Zimmer und hielt mit der rechten Hand die Türklinke und schaute zurück in das Zimmer wie er in seinem Bett lag. Es war ein eigenartiges Gefühl. Langsam zog ich die Tür zu und ging.

Am nächsten Morgen rief das Krankenhaus meine Mutter an und teilte ihr mit, dass die Nachtschwester um 02.00 Uhr seinen Tod feststellte.

Das dritte Mal war es meine Mutter . Meine Mutter war immer eine schöne und sehr gepflegte Frau bis zu ihrem Tod. Ich habe ein Bild von ihr zu Hause aus ihrer Jugendzeit. Sie war Mitglied im kommunistischen Sportverein Fichte. Es muss Sommer gewesen sein und sie waren an einem See. Von einem Steg springt sie nackt kerzengerade ins Wasser. Ihr Körper war einfach schön und mackellos. Dieses Bild von ihr liebe ich besonders. Es zeigt ihre Lebensfreude, ihre Vitalität und Schönheit.

 Sie brachte sich Anfang 1982 um!

Mit ihrem Tod waren für mich so viele Schuldgefühle verbunden, dass ich Jahre brauchte diese zu überwinden. Selbst in meiner Arbeit zur Heilung des Krebses tauchte diese Thema auf. Seit dem Tod meines Vaters hatte meine Mutter ständig Angst Krebs zu bekommen. Eines wollte sie unter keinen Umständen: eine sabernde, geistig umnachtete und unter sich machende alte Frau werden. Oft sprach sie darüber und dass sie lieber vorher sterben wolle. Wir hätten es wissen müssen! Denn kurz vor ihrem Tod diagnostizierten die Ärzte bei ihr Knötchen in der Schilddrüse.

 Im Oktober 1980 wurde mein 2.Sohn geboren. Sie war liebevoll, aber ich merkte, dass sie kaum Kontakt zu ihm aufbaute. Vielleicht lag es auch an meiner damals schon belasteten Ehe mit G., den sie nicht mochte. So dachte ich es immer. Denn meinen 1. Sohn liebte sie abgöttisch. Sie verlor kurz vor Kriegsende ein Kind – einen Jungen, den sie sich immer so sehr wünschte. So sollte ich auch ein Junge werden. Meine Mutter bekam mich mit 42 Jahren und für sie war die Schwangerschaft eine Belastung. Sie leitete eine Abteilung mit vielen ganz jungen Frauen und schämte sich zu dieser Zeit noch in ihrem Alter schwanger zu sein. So band sie sich anfangs ihren Bauch, damit es niemand mitbekam. Später hoffte sie auf einen Jungen, der sie für die Schwangerschaft entschädigen sollte. Und nun wurde ich ein Mädchen. Kinder sind solchen Empfindungen immer sehr sensibel gegenüber. Ich weiß meine Mutter hat mich sehr geliebt und ich hatte wunderbare Eltern. Ich bin dankbar in diese Familie hineingeboren worden zu sein.

 Als ich sehr jung mein erstes Kind bekam und es ein Junge wurde, waren meine Eltern und besonders meine Mutter überglücklich und ich bekam jegliche Unterstützung. So war ich traurig, dass sie bei meinem 2. Sohn keine Energie mehr aufbrachte. Heute glaube ich, dass sie der Tod meines Vaters sehr erschreckt haben muss und nach ihrem so schicksalsreichen Leben die Kraft schwand.

 Es war die Zeit des Jahreswechsels 1981/82 und meine Schwester und ihre Tochter, mit ihnen wohnte meine Mutter damals zusammen, fuhren über die Feiertage weg. Da meine Mutter allein blieb, fragten wir sie, ob sie gern zu uns kommen möchte. Sie lehnte ab und sagte, sie fahre zu einer ihrer Freundinnen und sei auch nicht da. Ich weiß, dass ich noch so ein komisches Gefühl hatte und immer wieder bei ihr anrief. Sie ging aber nicht ans Telefon und so war ich überzeugt, dass sie wirklich verreist war. An dem Abend als meine Schwester anrief zündeten wir gerade die Kerzen an unserem Weihnachtsbaum an und wollten gemütlich beieinander sitzen. Meine Schwester sagte nur „Komm schnell, es ist etwas mit Mutti.“ Erst als ich dort war erfuhr ich, dass sie Schlaftabletten genommen hatte. Sie lebte noch und kam ins Krankenhaus. Es bestand aber wenig Hoffnung und sie starb. Ich wollte sie am nächsten Tag noch einmal sehen, die Ärztin sagte nur zu mir „Wollen sie das wirklich? Sie liegt in der Pathologie und das letzte Bild ist immer das was bleibt.“ Ich war verunsichert und so ließ ich davon ab.

 Da es ein Suizid war, wurden natürlich noch Untersuchungen von der Kriminalpolizei angestellt. So kam heraus, dass meine Mutter stundenlang durch die Wohnung gelaufen sei, so berichteten es die Mieter in der Wohnung darunter. Es war so eine schreckliche Vorstellung, denn ich hatte ja immer wieder angerufen und ich machte mir Vorwürfe, dass ich nicht hingefahren war. Damals wurden die Beerdigungen sehr schnell durchgeführt. Es war ein großes Begräbnis, da meine Mutter bekannt war. Ich reichte vielen mir unbekannten Menschen die Hand. Das war ein komisches Gefühl. Ich habe Jahre gebraucht um mit meiner Trauer und meinen Schuldgefühlen klar zu kommen. Heute weiß ich, jeder Mensch hat die Freiheit selbst zu entscheiden, wie er leben oder auch sterben will. Ich hätte es ihr nur leichter gewünscht, aber sie hatte es sicherlich auch nicht geahnt, wie es sein würde. …

 Das vierte Mal war es mein Mann und es wird mir nicht leicht fallen diesen Text zu schreiben …

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