03 – Mai 2014

03. 05. 2014 – Wunderbare Tage mit R. Viel gelacht, “gelästert”, lecker gegessen, Theater – Musik gehört – geschwärmt, Kino … Danke! 

Rike-Soja

 

08. 05. 2014 – Die letzten Tage waren sehr anstrengend. Ich kann einfach meinen Gedankenstrom nicht abstellen. Heute das erste Mal Tagebuch angefangen. Schreibe es in ein Heft – mit meinem geliebten Federhalter. Eines der letzten Geschenke meines Mannes! Das Blog muss noch eingerichtet werden: Domain registrieren und sich mit WordPress beschäftigen. Ist auf dem Weg.

Heute das Projekt für meine Tochter weiter geführt. Gelingt mir ganz gut. Bin zufrieden und es lenkt mich ab.

Morgen Termin beim Onkologen! Habe kein Auto und muss mit den Öffentlichen 2 h hin &  wieder 2 h zurück. 

Ich nutze gern das I Ging und das Buch von R.L.Wing “Das Arbeitsbuch zum I Ging”. Schlummert wahrscheinlich eine kleine Hexe in mir. Schließlich war meine Großmutter eine Zigeunerin. Ergebnis diese Münzorakels: Rückzug / Talente, die ich habe wieder entdecken und fördern / Weg zu meiner wahren Natur … 

 09. 05. 2014 / 08.35 Uhr – Denke darüber nach, was meine Talente sein könnten. Schreiben? In der Schule fiel es mir einfach zu. Ich schrieb Aufsätze schnell und kreativ. So sagten es jedenfalls meine Lehrer. Dann der Wunsch Schriftstellerin zu werden. Ich las ein Buch in dem stand, um eine Seite zu schreiben muss man min. 1000 gelesen haben. Das schreckte mich ab, denn ich glaube ich war damals ein Lesemuffel. Meine Eltern lasen viel, sie hatten eine für mich geheimnisvolle große Bibliothek und ich liebte es die Büchertitel und Namen der Schriftsteller zu lesen und zu Tagträumen. Stundenlang lag ich auf meinem Bett bei Musik von Tschaikowski, Chris Barber, Alexis Corner, Mahler … Aber Schriftstellerin, das traute ich mir nun doch nicht zu. Ein Bild meines Vaters ist mir in Erinnerung (siehe 03 – Erinnerungen).

10.07 Uhr – Mir ist schlecht. Ich kann eh nicht mehr viel essen, habe keinen Appetit.

11.22 Uhr – Bus verpasst. Sitze im Wartehäuschen und beobachte eine Ameise. Nicht eine kleine, wie bei uns im Garten. Diese ist viel größer. Sie krabbelt zu einem kleinen Zweig und ich verliere meine innerliche Wette, dass sie ihn nimmt. Plötzlich tritt ein Fuß genau neben ihr auf – Angst sie könnte zertreten werden – Tod! Das Glück betrug nur 2 mm! Sitze im Bus und denke “Warum bekommen Frauen, wenn sie älter werden immer Bäuche, die dann dicker sind als ihr Busen? Bekomme ich das auch mal? – Oh Gott – nein!” 

11.48 Uhr – Will meine Gedanken festhalten und tippe in mein Handy. Sehe auf dem U-Bahnsteig eine junge Frau, deren Finger über die Tastatur gleiten. Ich versuche es auch ;-)

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13.25 Uhr – Stelle fest, dass ich mit dem Bus in die falsche Richtung gefahren bin. Genervt und fange an still vor mich hin zu weinen. In 5 Minuten ist mein Termin und ich werde mich um eine halbe Stunde verspäten. 

13.55 Uhr – Alles gut – muss noch warten. Die Stirn vom Onkologen beim Betrachten der CT Bilder in Falten. Ein leises “Scheiße”. Ich bin froh, dass er immer mit mir sehr direkt ist. Er beruhigt mich mit den Worten, dass es ja immerhin 2 Jahre waren bis das Rezidiv kam. Ja, soll jetzt alle 2 Jahre ein Rezidiv kommen und wie oft kann man das schaffen? Therapievorschlag: OP, zwar riskant, aber angeraten und dann Chemo. Bestrahlung habe ich schon gleich gesagt, kommt gar nicht in Frage! Wieder Platin! Habe Angst um meinen Darm und mein Gehirn! Sage ihm, dass ich mir in einer Klinik in Bayern eine Zweitmeinung holen werde und möchte, dass er alles weiß. Blutabnahme. Im Labor kommt er und nimmt mich in den Arm, drückt mich ohne Worte. Ich fühle mich bei ihm aufgehoben.

10. 05. 2014 / 09.53 Uhr – Schön gefrühstückt. Ein selbst zubereitetes Frühstück ist ein schöner Start in den Tag. Diese Zeit ist mir heilig. Dabei das Buch von Wolfgang Herrndorf “Arbeit und Struktur” auf der Terasse weiter gelesen. Sein Buch “Tschik” muss ich mir unbedingt besorgen. Heute findet in der Urania eine Veranstaltung der Charité zum Thema “Eierstockkrebs” statt. Sie hatten mir eine Einladung geschickt. Werde doch nicht hingehen, obwohl ich mit der Entscheidung schwanke. Was bringen mir die Informationen gerade jetzt – bin genervt vom recherchieren. Kommt immer aufs Selbe raus – OP und Chemo. 

13.35 Uhr – Oleolux gekocht aus dem Buch “Öl Eiweiß Kost” von Dr. Johanna Budwig. Nach meiner ersten OP 2012 hat mir u. a. diese Diät geholfen meinen Darm wieder fit zu bekommen. Ob ich allerdings durchhalten kann wieder tierisches Eiweiß, wie Quark zu essen, weiß ich noch nicht.

14.58 Uhr – Arbeite an einem Videoprojekt weiter, aber mein Mac spinnt. Sind zu viele Videofragmente drauf. Muss ich erst wieder alles umspeichern oder löschen. Werde ungeduldig und mir wird ganz plötzlich alles zu viel. Denke immer wieder an Montag und meinen Termin bei der Chefärztin, die die OP durchführen soll. Wie schnell muss ich unters Messer? Wie schnell wächst das Rezidiv? Kann in diesem Moment den Krebs gerade nicht als Teil von mir akzeptieren und es regt sich Widerstand. Brauche eine PAUSE!!!

12. 05. 2014 / 18.45 Uhr – Termin bei der Chefärztin gehabt. Sie runzelte die Stirn und erklärte mir, dass das sowieso ein Gefäßchirurg machen muss. Ist ziemlich kompliziert. Bekommen auch nicht alles raus, da man ja die Schlagader schlecht entfernen kann. Soll mich wegen eines Termins melden.

13. 05. 2014 / 19.06 Uhr – Heute ein mystischer Tag. Hatte noch viel Zeit vor meinem Termin mit meiner Therapeutin und schlenderte die Hardenbergstrasse entlang. Mein Blick fiel auf einen Aufstellet einer Malschule. Der Katalog darin war zerrissen. Also gehe ich rauf um einen neuen zu holen. Wollen Sie Malerei studiere?  5 Jahre. Na ob ich die 5 Jahre schaffe? Nein, ich möchte einfach nur mal einen Kurs besuchen. Habe als junges Mädchen viel gemalt. Ja, einmal im Monat haben wir eine Malgruppe, die nächste findet am 24.Mai statt. Hm, ist genau mein Geburtstag und dieses Jahr zum ersten Mal mache ich eine richtig große Party. Nehme den Katalog. Spreche mit meiner Therapeutin und sie sagt, ich soll meine Talente fördern.

Später zu Hause fange ich doch wieder an im Internet zu recherchieren. Stoße auf eine Studie der Uni Heidelberg zum Ovarialkarzinom. Bin am Boden. Will nicht mehr zum Chor. Raffe mich schließlich doch auf. Talente fördern! Fahre jetzt los.

23.00 Uhr – Eine wunderschöne Chorprobe! Obwohl ich weiß, dass ich keine geschulte Stimme habe, gibt mir die Probe und das Singen so viel Kraft und macht meinen ganzen Brustkorb weit. Glücklich!

14. 05. 2014 / 09.44 Uhr – Heute Termin für OP bekommen – 05. Juni. Denke darüber nach für Alle Videos aufzunehmen. Will die Sticks dann vor der OP mit all meinen wichtigen Unterlagen und Passwörtern auf meinem Schreibtisch hinterlassen. Habe einfach mieses Gefühl. Sehe derzeit keine Alternative.

Eine Freundin und Lehrerin empfahl mir eine Heilpraxis in Innsbruck. Sie arbeiten sehr erfolgreich mit Krebspatienten. Dort empfahl man mir die Klinik St. Georg in Bad Aibling. Beide Termine erst am 23. Juni. Kann ich das vorverlegen. Bin vom 16.-18. Juni bei Joao de Deus in Salzburg. Kann ich das verbinden? Alles so kurzfristig!!!

14.00 Uhr – Termin bei meiner Gynäkologin. Natürlich auch das Stirnrunzeln! „OP würde ich Dir aber unbedingt raten!“ Nachdenken!

20.01 Uhr – Habe die Termine in Innsbruck und Bad Aibling auf den 20. Mai verschieben können. Erleichtert! Nun bleibt nur die Angst vor der langen Autofahrt nach Salzburg. Hab seit Wochen Schmerzen und will keine Kolik riskieren. Also schöööön langsam – wird mir ev. schwer fallen.

15. 05. 2014 / 20.08 Uhr – Fahrt war ohne Probleme. Ferienwohnung super und nur 10 Minuten bis zur Salzburgarena. Abendbrot und Bett.

18. 05. 2014 / 22.59 Uhr – Es waren sehr heilsame Tage in Salzburg mit viel Meditation, Ruhe, Akzeptanz in das was ist und nächtlichem Klavierspiel meines Vermieters. Ich mag ja Klavierspieler. Morgen 1 Tag Salzburg und zu R. nach München.

19. 05. 2014 / 19.35 Uhr – Salzburg ist ein schönes Barockstädchen – überschaulich. Habe lange an einem Brunnen gesessen, voller Erwartung auf den morgigen Tag. Einkäufe und die Bekanntschaft von T. in der Fußgängerzone gemacht. Ungewöhnlicher Tag.

20. 05. 2014 / 15.25 Uhr – Gerade in Lans bei Innsbruck angekommen. Termin erst um 17.00 Uhr. In der Tasche ein Therapieplan der Klinik St. Georg. Ich war auf der Fahrt so euphorisch. Heilung scheint das erste Mal möglich. In der Klinik ein völlig anderer Ansatz. Nicht nur Chemotherapie, sondern Verbindung mit Hyperthermie und Aufbau Immunsystem. Ich kann es fast nicht fassen, dort werden so viele Therapien miteinander verbunden, von denen ich bisher nur gelesen hatte oder die nur einzeln ohne zusammenhängendes Konzept angeboten werden. Bis auf die Ganzkörperhyperthermie ist alles Kassenleistung – unfassbar. Ich musste mehrfach nachfragen und hab wohl am Tresen sehr ungläubig drein geschaut.

22.34 Uhr – Liege im Bett müde aber seit langem schmerzfrei! Lans war ein Highlight. Komme in die Praxis und ein junger Mann steht oben an der Treppe und bittet mich zu warten. Oh, die Stimme kenne ich doch „M. bist Du das?“ Wie wunderbar! Wir haben zusammen 2011 die Vegetodynamik Ausbildung abgeschlossen. Dieser Tag gibt mir seit Langem das Gefühl ich kann wieder ganz gesund werden. Videos werden nicht gedreht, OP wird abgesagt.

22. 05. 2014 / 10.21 Uhr – Super geschlafen. Immer noch keine Bauchschmerzen!!! Fühle mich fit wie lange nicht mehr. OP abgesagt. Hat mich gefragt warum und ich habe es ihr erklärt. Sie war verständnisvoll und hat mir alles Gute gewünscht. Ich liebe meinen Garten und schreibe auf meiner Terrasse.

Gestern wieder Babysitten für meinen Enkel. Es ist so wunderbar und er gibt mir Kraft der kleine Mann. Mir ist sogar ein kleines Schlaflied eingefallen. Meine erste kleine Komposition ;-)

„Nun komm zur Ruh, zur Ruh, zur Ruh

und mach die Äugeln ganz fest zu.

Schlaf ein, Schlaf ein, Schlaf ein, Schlaf ein

Und hab ein schönes Träumelein!“

Die Melodie kann ich nicht in Noten fassen. Meinem Enkel hat es gefallen und er ist eingeschlafen. Entdecke ganz neue Talente an mir.

24. 05. 2014 / 22.58 Uhr – Als ich den Entschluss fasste meinen Geburtstag zu feiern, sollte es eine Abschiedsparty werden. Warum? Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, ich hätte nicht mehr viel Zeit mit meinem Rezidiv. Ich dachte es würde ev. der Letzte sein den ich feiern kann. Eigentlich habe ich nie großartig gefeiert. Diesmal waren alle dabei. Seit dem 20. Mai ist nun alles anders und trotzdem wollte ich feiern. Es war so schön. Am Vormittag bin ich zum Malkurs gegangen und es ist mir doch tatsächlich gelungen beim Malen meinen Kopf auszuschalten. Wurde ein ganz passables Bild. So nun hole ich mir die Malsachen von meinem Sohn und auch seine Staffelei. Als ich vom Malkurs zurück kam war der Garten geschmückt. Wie schön! Das war ein tolles Geschenk. Die Stimmung war ausgelassen und es ist so viel Ruhe, Frieden, Gelassenheit, Klärung in die Familie eingekehrt. Ich liebe meine Familie und empfinde sie als ein Geschenk!